Stiftung

Menschenwürde, eine Stiftung und
der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland 
 

In der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland heißt es unter anderem in Artikel 2:

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Die „Menschenwürde“, wie sie in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ihre Erwähnung findet, ist ein Rechtsgut, und Recht kann hier als Anspruch angesehen werden. Denn damit Bürgerinnen und Bürger stets ein Leben in Würde führen können, sichert der Gesetzgeber ihnen ein Existenzminimum zu. Droht also eine Bürgerin oder ein Bürger z.B. durch eine Notlage unter die Armutsgrenze zu geraten, werden den von Armut Betroffenen aus Beiträgen der Gemeinschaft die notwendigen und damit existenzsichernden Mittel für die Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit und Bildung, die als Existenzminimum gelten, zur Verfügung gestellt. Somit wird ein Leben in Würde gesichert und ein Absinken unter eine existenzbedrohende Armutsgrenze verhindert. Dieser Anspruch auf ein Existenzminimum – und damit auf ein Leben in Würde – kann unter Umständen sogar gerichtlich durchgesetzt werden. Weit, weit unterhalb dieses gesetzlich zugesicherten Existenzminimums leben viele Menschen unserer Erde. Hunger, Mangel an Kleidung, ein Leben auf Straßen, Wohnen unter Pappe, Plastik und hinter Holzverschlägen, Krankheiten, die in vielen Fällen in diesen Lebensumständen ihre Ursachen haben, und Kinderarbeit bestimmen den Alltag großer Teile der Bevölkerung unseres Planeten. Im Jahre 1990 habe ich Indien zum ersten Mal bereist. Durch die Begegnung mit dem indischen Arzt Dr. William C. Frazer konnte ich damals einen nachhaltigen Eindruck von Armut und Bedürftigkeit von Menschen in ländlichen Regionen und in Großstadtslums Südindiens gewinnen. Dr. William C. Frazer leistete dort damals mit äußerst geringen Mitteln medizinische Hilfe und versuchte, die Armut der Menschen zu lindern. Nach diesen Eindrücken hatte ich gewissermaßen meine touristische Unschuld verloren. Und um mit den Worten des evangelischen Theologen Karl Barth zu reden, „hatte ich die Freiheit – Ja – zu sagen“. Ich habe „Ja“ gesagt, indem ich mich entschloss, im Rahmen meiner Möglichkeiten freiwillig daran mitzuwirken und für Menschen, die in Not und Armut leben, nach einem Weg für ein Leben in Würde zu suchen. Nach meiner Rückkehr von dieser ersten Indienreise habe ich damit begonnen, zunächst im kleineren Kreis Spenden zu sammeln, um dem indischen Arzt eine wirkungsvollere humanitäre Arbeit zu ermöglichen und mitzuhelfen, die Not an den Orten der Bedürftigkeit zu lindern. Das gesammelte Geld wurde verwendet für den Bau von Brunnen in Slums und für verschiedene Einzelhilfsmaßnahmen für Menschen, die durch schwere Krankheiten und Körperbehinderungen in existenzbedrohende Notlagen geraten waren. Schon bald wurden die Medikamentenlieferungen durch die sich anbahnende gute Zusammenarbeit mit action medeor, Deutsches Medikamentenhilfswerk in Tönisvorst, durchgeführt. Durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Dr. William C. Frazer war die Grundlage geschaffen worden, um sich hier am unteren Niederrhein an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden und um Spenden und Unterstützung für die bedürftigen Menschen in verschiedenen Dörfern im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh und in den Großstadtslums von Hyderabad und Secunderabad zu bitten. Um die Verantwortung für das humanitäre Engagement auf eine breitere Basis zu stellen, habe ich schließlich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen des Berufskollegs Kleve, ehemaligen Schülerinnen und Schülern, mit Freunden und Bekannten einen Verein gegründet, der heute unter dem Namen Freundeskreis humanitäre Hilfe in Indien und Ghana e.V., Kranenburg ins Vereinsregister beim Amtsgericht in Kleve eingetragen ist. Im Laufe der vergangenen Jahre sind durch das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder des Freundeskreises für humanitäre Hilfe und durch verantwortungsbewußten Umgang der Verantwortlichen in Südindien und Ghana mit den Spendenmitteln wichtige Schritte unternommen worden, um mit Hilfe eines Krankenhauses im südindischen Shadnagar und einer Einrichtung für rund 150 Kinder (Kindertagesstätte, Kindergarten und Primarschule – „alles unter einem Dach“) in der südghanaischen Hafenstadt Tema, Wege zu begehen, an deren Ende ein Leben in Würde für Menschen, die heute noch in Armut und Bedürftigkeit leben, möglich wird. Die Erweiterung der humanitären Hilfe auf die Einrichtung in der südghanaischen Hafenstadt Tema geht auf meine persönlichen Kontakte zu der ghanaischen Erzieherin Susie Ennin und dem jungen ghanaischen Pastor Franklin Asamoah zurück. Die Einrichtung, die aus Spendenmitteln unseres Kranenburger Freundeskreises errichtet wurde und jetzt unterhalten wird, befindet sich in Lebanon-Ashaiman, einem Stadtteil von Tema, in dem überwiegend arme Menschen leben, und wo die Not der Familien, Kinder oft zu Kinderarbeit zwingt, und diese Not ihnen den Zugang zu Bildung versperrt. Viel Anerkennung und Respekt für die humanitäre Arbeit haben die Mitglieder des Kranenburger Freundeskreises von großen Teilen in der Bevölkerung am unteren Niederrhein erhalten. Dieses findet auch durch die Referenzen von Einrichtungen aus Wirtschaft, Verwaltung und Bildung seinen Ausdruck. Denn tatsächlich wurde durch das Engagement „Konkretes“ und gewissermaßen „Vorzeigbares“ hervorgebracht. Das Krankenhaus im südindischen Shadnagar, die Einrichtung im südghanaischen Tema und viele Einzelhilfsmaßnahmen sind deutlicher Ausdruck davon, dass ehrenamtlicher und humanitärer Einsatz für ein Leben in Würde für Menschen, die in großer Entfernung von den Heimatwohnorten der Helfenden leben, möglich ist. Für die personelle Kontinuität der beiden Projekte haben die Mitglieder des Kranenburger Freundeskreises zusammen mit den Verantwortlichen in Südindien und Ghana bereits gesorgt. Die materielle Kontinuität soll mit Hilfe der Erträge des Vermögens der Stiftung – Für ein Leben in Würde, die ich ins Leben gerufen habe, erreicht werden. Mit der Ansammlung von Beträgen aus Zustiftungen soll durch die Stiftung sichergestellt werden, dass der Bestand und die Arbeit der beiden Projekte in Südindien und Ghana auch in weiterer Zukunft möglich bleibt. Obwohl wir uns alle um Hilfe zur Selbsthilfe bemühen, können beide Projekte ihre Existenz auf Dauer noch nicht selbständig sichern, da die Bedürftigkeit groß ist, die Mittel fehlen und die Kräfte des Marktes dort, wo die Hilfe erforderlich ist, noch zu schwach sind.Besonders deutlich wird der Geist einer Stiftung in Theodor Fontanes Gedicht über den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Denn der Sinn einer Stiftung ist es, Bedingungen zu schaffen, damit aus gegenwärtig Erreichtem oder Errichtetem auch in ferner Zukunft noch Nutzen gezogen werden kann. Mit der Birne, um die der Herr von Ribbeck auf Ribbeck noch zu seinen Lebzeiten als Grabbeigabe gebeten hatte, war der Anfang für späteren Segen – so im Gedicht – gemacht. Den Kindern wollte er auch über seinen Tod hinaus Birnen schenken und ihnen damit Anlass zu Freude erhalten. Wie man im Gedicht nachlesen kann, ging die Rechnung des Herrn von Ribbick auf Ribbeck auf. Denn aus dem stillen Grab auf einem Kirchhof im Havelland „sproßte ein Birnbaumsprößling“ – so wie Fontane es im Gedicht darstellt. Aus dem Sprößling entwickelte sich ein stattlicher Birnbaum, der wieder zum Segen und zur Freude vieler Kinder im Havelland im Herbst die leuchtenden Früchte trug.So wie der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland mit seinen Mitteln Vorsorge für die Zukunft betrieben hat, so soll auch mit dieser von mir ins Leben gerufenen Stiftung Zukunftsvorsorge geleistet werden. Nicht die leuchtenden Birnen der Herbsteszeit in Fontanes Gedicht sind die Segnungen, die armen und nach hiesigen Maßstäben weit unter dem Existenzminimum lebenden Menschen in Südindien und Ghana zugute kommen werden, sondern Zinserträge aus dem bei der Sparkasse Kleve und bei der Volksbank Kleverland eG angelegten Vermögen der Stiftung.

Christlich-abendländische Ethik, die im stattlichen Birnbaum des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck und in den leuchtenden Birnen der Herbsteszeit ihren Ausdruck findet, bildet die geistige Grundlage für die materielle Basis in Form eines Stiftungsvermögens, aus dessen Zinserträge auf lange Sicht einer überschaubaren Anzahl von Menschen in Indien und Ghana, für die das Existenzminimum westlicher Industriestaaten unermesslicher Reichtum wäre, ein Leben in Würde ermöglicht werden soll. Und Spenderinnen und Spender haben mit ihren Mitteln, die sie dem Kranenburger Freundeskreis zur Verfügung gestellt und die ihre Verwendung in den Projekten in Südindien und Ghana gefunden haben – wie der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland mit seinem Birnbaumsprößling – Nutzen gestiftet, der ganz konkret durch die Erträge aus dem Vermögen der „Stiftung – Für ein Leben in Würde“ über den Tag hinaus reicht.

Wilhelm Hawerkamp

stiftung-birnen

 Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wiste’ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ich hebb ’ne Birn.“

So ging es viele Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.“
Und drei Tage darauf, aus dem
Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
„He is dod nu. Wer giwt uns nu’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Baum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
so flüstert’s im Baume: „Wist’ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ich gew di’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane